Tedesco

LORENZO CALOGERO NELLA TRADUZIONE DI STEFANIE GOLISCH



La traduzione, preceduta da un saggio introduttivo sulla figura e l’opera del poeta, è apparsa nella rivista Kalliope, Zeitschrift für Kunst und Literatur, Heft IV/2008.

 


Im Zeichen extremer Spannungen vollzieht sich das Leben des italienischen Dichters und Arztes Lorenzo Calogero ( 1910-1961). Als es ihm im März 1961 in einem dritten Versuch gelingt, seinem Leben ein Ende zu setzen, haben sich seine Kräfte längst erschöpft. Zu groß sind die körperlichen und seelischen Belastungen geworden, um ihnen länger stand zu halten. Calogero hat sich in seinem Lebenskampf, der um zwei große Themen, die Liebe und die Poesie, kreist, verausgabt und hat am Ende verloren.


Lorenzo Calogero – Poesie (Gedichte)


Eisige Erscheinungen

Eisige Erscheinungen, das herbe Leben der Zeichen
kenne ich. Nicht endlich ist der Raum.
Ich lasse mich täuschen. Ich weiß die Morgenröte nicht,
den Zeitdieb, rasch, ausweglos. Ein Murmeln
ist sein Schlaf auf eine Antwort auf der Höhe eines
verborgenen Grabes, deinem Wegweiser
und, von Wegweiser zu Wegweiser, ist es das Geräusch
glücklicher Wesen, unreiner Freude
ruhig an ihrem Grund. Und wenn sie in ihrem Schleier
einen Leib hinter sich sieht, einen schwerelosen Schritt,
frage ich dich traurig. Die verbrauchten Himmel
tauchen auf in einem Strahl.
In der sie bergenden Insel
ist eine glückliche Schwalbe.



Gelide parvenze

Gelide parvenze, la vita acre dei segni
conosco. Non è finito lo spazio.
Io mi corrompo. Non so l’aurora quale il ladro
del tempo rapido senza scampo. È murmure
il suo sonno a una risposta a sommo
di una tomba nascosta che ti trasporta,
e, di trasporto in trasporto, è il suono
dell’essere felice, gioia non tersa
calma nel suo fondo. E se nel suo velo
un corpo dietro un passo senza peso
vede, triste io ti domando. I cieli
sono sciupati, emersi dentro un raggio.
Nell’isola che li contiene
è una rondine felice.


***


Engel des Morgens

Engel des Morgens,
weck’ mich wieder für die neue
schimmernde Frühe, die den Himmel
rötet oder zerreißt.

Ich bin ein seltsamer Bettler
um Liebe und Worte,
ein einsamer Wanderer
gegen das Licht- und Sonnenland.

Trag’ mir dein Glänzen zu,
wandernder Engel,
in deinem unendlichen Glänzen
deinen wissenden Gebärden,

und lass mich wachsen im Wunderbaren,
das du in den schwarzen Augen
ewiger Rätsel sammelst
und unter Wimpernbögen verbirgst.

Lass mich wissen, was du weißt
wie dein Mund sich spiegelt;.
wandelbar ist in meinem verbitterten Herzen
eine Musik, eine magische Gestalt unterm prasselnden Regen.



Angelo della mattina

Angelo della mattina
risvegliami ancora
per la nuova fulgente aurora
che s’arrossa sull’orizzonte o s’incrina.

Io sono uno strano mendicante
che chiede amore e parole,
sono un solitario emigrante
verso le terre della luce e del sole.

Vienimi coi tuoi fulgori,
angelo che non ristai,
coi tuoi infiniti fulgori
colle movenze che tu sai,

e crescimi delle meraviglie,
di quanto raccogli negli occhi neri,
degli infiniti misteri
che tu celi dentro l’arco dei cigli.

Fammi conoscere ciò che tu conosci
i riflessi della tua bocca chiara;
mutevolmente nel mio cuore già amara
è una musica una magica forma, in una pioggia che scrosci.


***


Liebesbriefe

Den Himmeln, Winden, Meeren
allen verfließenden Formen des Universums
schickte ich Liebesbriefe.
Sie antworteten mir
mit taufeuchter
Langsamkeit der Liebe,
und ich legte mich
auf ihren versengten Gipfelzacken
nieder wie auf einen Windwald.

Vom Ozean kam mir ein Sohn zur Welt.


Lettere d’amore

Mandai lettere d’amore
ai cieli, ai venti, ai mari,
a tutte le dilagate
forme dell’universo.
Essi mi risposero
in una rugiadosa
lentezza d’amore
per cui riposai
su le arse cime frastagliate loro
come su una selva di vento.

Mi nacque un figlio dell’oceano.


***


Das Werk

Das Werk
fällt niemals
zerbricht nicht,
ist ewig.
Froh oder traurig
begeistert und vielgestaltig,
unwandelbar vor den
Schlägen der Zeit,
bezeugt es
eine unsterbliche Zeit.

Unbewegt seine nackte Stirn,
fest unter den Sonnenstrahlen,
die es zwischen den reglosen
Daumen des Universums vergoldet.

Dann und wann stieben Funken
von ihm, die das braune Haar
der Schulkinder vergoldet
und ihren Schlaf
zu erster Begeisterung weckt.


L’opera

L’opera
non cade mai,
non si frantuma,
rimane eterna.
Gioiosa o mesta,
entusiasta e molteplice,
rimanendo immutata
ai colpi del tempo,
è testimone
di un tempo immortale.

La sua nuda fronte
rimane ferma, soda
sotto i raggi del sole che l’indora
fra i pollici fissi dell’universo.

Da essa a volte cadono scintille
che indorano la bruna chioma
dei fanciulli che vanno a scuola
svegliandoli dal letargo
nel primo entusiasmo.


***


Kleider, flatternde Hüte

Kleider, flatternde Hüte
und Handschuhe tragen sie und den Hauch
eines Liedes, der an die Stirn schlägt,
und das traurige Schimmern der Augen
zurückhält; und sind die Winde
grenzenlos, dann erscheinen
auf roten Dachpfannen leichtfüßig
die Musen; und Freude erfüllt die Gipfel
und die phantastische Stadt
nun, wo Öl aus einer vergeblichen Lampe tropft,
einem vergeblichen Mädchen
und zeitverlorene Orte
in einem sie dämpfenden Lichte stöhnen,
in einem vergeblichen Anlauf.


Abiti, svolazzanti cappelli

Abiti, svolazzanti cappelli
e guanti portano e l’alito
di una canzone che batte in fronte
e il mesto bagliore degli occhi
trattiene; e se i venti
sono senza confine, ecco,
sulle tegole rosse, appaiono
leggere le muse; e cime
e città fantastica stanno con gioia,
ora che olio versa
da una vana lucerna una vana fanciulla
e paesi persi del tempo
in una luce che li smorza gemono
in una vana rincorsa.


***


Schau zur Seite

Schau zur Seite. Der gelbe Sockel
klingt nicht mehr. Erbitterter
das nicht mehr junge Geräusch.
Nutzlos ist überm Gras nun die Erinnerung,
bemalter Grabstein aus Kristall.

Nicht langsamer fließt von hier
volltönend der Ursprung,
mit lauter Stimme oder der Gipfel,
und es entblättern sich die Hyazinthen,

Du kommst! Die rasche Stunde,
sternförmiger Duft, diese kleinen
Ideen wie ein Talisman
in Inseln und alle Notwendigkeiten
fallen.
Eine Flöte fault
am schwachen Jahresende
das Lachen der Brust im unersättlichen Flügel
zum jähen trocknen Gestank der Zeit
der flachen Luft.

Gestern wie heute waren sie müde und
Keuchten, und im verstreuten Gesicht,
trocken und verwirrt, das leichte
stille Ende eines anderen Tages.


Guarda a lato

Guarda a lato. Non più risuona
il plinto giallo. S’inacerba
il rumore non più giovane.
Non giova più sull’erba la memore
dipinta lapide di cristallo.

A partire da qui non più lenta
sonora scorre l’origine
ad alta voce o la cima
e si sfogliano i giacinti.

Tu giungi! L’ora veloce,
l’odore a stella, queste piccole
idee come un talismano
nelle isole e lo stretto necessario
cadono.
Marcisce un flauto
alla fine debole di un anno,
il riso del seno nell’ala vorace
al brusco secco tonfo del tempo
dell’aria abbassata.

Ieri come oggi sonnolente
anella erano e, nel viso sparso
secco confuso, la fine aerea
ferma di un’altra giornata.


***


Du hörtest die Weiße

Du hörtest die Weiße, nun siehst du sie. Nicht mehr!
Rätselhaft fielen sie beide
als zeigten die Sonnen
ihre braunen Gesichter. Und männlich,
wie am Grund klares Wasser,
entreißt sie sich dir in den Tiefen ihrer selbst,
vor dir verberge ich mich. Vergeblich streifte
ein Kleid dein ungewisses Leben, eine teure Freude
in der Dichte,
nackte Stimme ein Fels.

Grüne Iris verkauft
eine Wolke dem Frühling im Nu
und flieht
im nahenden Sturm.

Die Härten, die der Bach verschloss,
waren ein teurer Chor der ewig
geöffneten Zeichen, ein zarter keuscher Gesang
der Pappeln leewärts des Finken.


Se bianco udivi

Se bianco udivi ora vedi. Non più!
Misteriosamente due a due
caddero come si volsero bruni volti
i soli. E virilmente
come giù e giù acqua limpida
nel fondo da se stessa si strappa
da te io mi nascondo. Lambiva
la tua vita incerta una veste
inutilmente, una cara gioia nel folto
nuda voce uno scoglio.

Verdi iridi vende in un soffio
una nube a primavera
su una tempesta subitamente
rapida partendo.


***


Zwischen dir und mir

Zwischen dir und mir bleibt heut’ Abend
ein Zwiegespräch wie dieser
braune Engel, seitlich im Halbschlaf
ruhend. Ich frage dich nicht
dies oder jenes und nicht, wie
aus der Mutter Tränen nächtens
dein Weinen erwacht.

Wenn du dich quälst,
ist Efeu nicht Frühe oder färbt sich.
Ein Veilchen, verschleiert oder schmerzend
und es wiegt sich die duftende Wolke
am glänzenden Horizont aus Reif.
Das bleibt von vergeblicher Hoffnung
oder flieht rasch
oder ereignet sich in aller Stille.
Die fleischigen Segel, die Nebelvliese
gestirnte Ursprünge, Angreifer der Luft,
geschwollene Venen der Wege, die Stunden.

Kein Echo hallt
zwei Mal in den Felsen, auf dieser
Wiese, wo Rot ist und von Rot zu Rot,
vergeblicher der blasse Samt
bald rosa, bald aufgewühlt.

Man spricht weder traurig noch heiter;
früh ist es oder spät, denn nah und freundlich
erwacht im Reißen des zarten Halms
neben mir traurig dein Abend, zärtlich
frage ich dich.


Rimane fra me e te

Rimane fra me e te questa sera
un dialogo come questo angelo
a volte bruno in dormiveglia
sul fianco. Non ti domando
né questo o quello, né come
da materne lacrime si risveglia
di notte il tuo pianto.

Se i tormenti sono tristi,
l’edera non è mattina o si colora.
Si vela o duole una viola
e dondola nube odorosa
su l’orizzonte lucida di brina.
Ecco quanto di tanta vana speranza resta
o fugge rapida o semplicemente,
silentemente accade.
I carnosi veli, i velli di bruma,
le origini stellate assalgono l’aria,
le tumide vene delle vie le ore.

Non l’eco rimbalza
due volte sulle rocce, su questo
prato, ove sono rosse, e, di rosso
in rosso, è vano il pallido velluto
ora rosa ora smosso.

Non si parla né triste né lieto;
e presto o tardi, perché a fior di labbro
gentilmente nel filo tenue dell’erba
tristemente lacerando si risveglia
la tua sera accanto, dolcemente
io ti domando.


***


Senkrecht in der Leere

Senkrecht in der Leere
Spuren waren es, Grenzen, und auf dieser Seite
der Wind, auf Wiesen wo man nichts hört,
dessen ich mich nicht entsinne;
und weißt du, wie lästig ein Zweig war,
und er leitet mich und scheidet mich von
der Luft, die ich nicht liebe. Eine verhüllte
Gegenwart des Seins erkenne ich nicht mehr,
die Gewohnheit des Wachsens und nicht genug:
wenn ich stehen bleibe, war schon ein Atemhauch
zu viel und der Rest. Gewunden und wach
zerrüttet mich das vergebliche Atmen der Bäume
in ihrer mannigfaltigen Süße.
Eine Glätte die im Raum erscheint,
erleidet die Leere, die Unordnung, das Sinken
des sterbenden Alters. Ein Atem aufersteht aus Tau.

Die selbstverständlichen Rufe, ein Atemholen
eine Einsamkeit hören sie schon.

In einem Nebel wie diesem, soviel weiß ich
nun, ist deine Gegenwart
aus der Gnade gefallen
wie das Leiden aus dem Wachen
seines Flugs.


Perpendicolarmente a vuoto

Perpendicolarmente a vuoto
tracce erano, limiti, e da questa parte
il vento, in prati ove non si odono
cose di cui non mi ricordo;
e sai quanto noioso un ramo
era e mi guida e dall’aria
mi divide che non amo. Più non riconosco
una larvata presenza di essere,
un’usanza di crescere e non basta:
se mi soffermo un poco un soffio
era già troppo e il resto. Sinuoso
e sveglio un vano respiro d’albero
corrompe me pure in una dolcezza varia.
Una levigatezza che apparve nello spazio
soffre il vuoto, il disordine, il discendere
dell’età morente. Un alito ricrebbe nella guazza.

I sottintesi richiami un respiro d’aria,
una solitudine già odono.

Nella nebbia, per quanto so
ora, come in questa, è partita
la tua presenza dalla grazia
come la sofferenza dalla veglia
del suo volo.

 

testo tratto da

http://rebstein.wordpress.com/2009/09/16/gedichte-ii-lorenzo-calogero-nella-traduzione-di-stefanie-golisch/




***


Winterrosen waren es

Winterrosen waren es,
aufgehoben für dich,
einen kleinen Orkan
schmücke ich heute Abend aus.
Was immer du auch tust,
wenn die Wolken rasen,
werde ich keine Unordnung stiften.
Ein kleines trauriges Blumenbild,
doch ich bin für die reine Stille,
die glücklich dir zu scheitert
jetzt, wenn es finster wird.



Erano rose d’inverno

Erano rose d’inverno
per te messe in disparte
che per un piccolo uragano
abbellirò stasera.
Quanto puoi
se le nuvole sono folli,
non metterò a soqquadro.
Un piccolo quadro triste era di fiori,
quanto io sono per un silenzio puro
felice che naufraga verso di te
ora nel buio.


da un’inedito di “Avaro nel tuo pensiero”, traduzione di Stefanie Golische.



Einleitung zu Worte der Zeit (Siena, Maia,1956)

(traduzione della premessa che Calogero scrisse per la pubblicazione di Parole del tempo, disponibile in italiano in questo sito nella sezione dedicata alla prosa, ndr)


Die Publikation dieser Verse, die vor vielen Jahren geschrieben wurden, legt Zeugnis ab von dem, was andere und bedeutendere Dichter bereits über die Lyrik gesagt haben, dass nämlich alles, was mittels des Wortes ausgedrückt werden kann, lediglich einen begrenzten Wert hat, wenn man es am Leben selbst misst. Absoluten Wert hat das Wort lediglich in seinem eigenen Bereich, wo seine Außerordentlichkeit  wiederum nur in begrenztem Umfang begriffen werden darf, da wir mit Sicherheit annehmen können (ich glaube nicht, dass man beim derzeitigen Stand der Definition des Lebens im Allgemeinen und des Ausdrucks im Besonderen, dagegen etwas einwenden kann), dass das Wort im absolutesten Sinne, den man sich vorstellen kann, in seinem originären Sinne, an seinem Ursprung also, bereits integrativer Bestandteil des Lebens ist; deshalb ist alles, was mittels des Wortes ausdrückt werden kann und nicht dem Originären und dem Ursprung des Ausdrucks geschuldet ist, nur ein begrenzter Wert und  nicht zuletzt auch  dem Leben selbst gegenüber.Und sollte jene Vorstellung von Dichtung, welche die Zeugnisse anderer und bedeutenderer Dichter zum Ausgangspunkt nimmt, nicht ausreichen, um die Publikation der Jugendgedichte eines nicht mehr jungen Autors zu rechtfertigen, so lasse ich mir eine Überlegung zu Hilfe kommen, die, lebendig und reich an  Bedeutungen, den Wert des „Zeugnisses“  an sich zum Gegenstand hat. Ginge es um Erkenntnis allein, verlöre die Sache, beziehungsweise deren Begründung, unverzüglich an Wert, wenn sie das Bewusstsein streiften, wo die Begründung und die Sache selbst  keine andere Begründung enthalten und keine andere Sache, die kontinuierlich ins Unendliche verweist. Es bliebe dann keine noch so vage Spur eines unendlichen Verweises, es sei denn der philologische Wunsch, sich in die verborgenen Bedeutungen eines einfachen Wortes zu versenken. Doch wenn auch dies nur Material rein doktrinärer Philosophie wäre, so könnte eine weitere Begründung – wie bereits ausgeführt – darin bestehen, die Dichtung  in ihrer Funktion für das Wort beziehungsweise das Ausdrucksmittel zu betrachten. Der oben angedeutete Wert des Zeugnisses wäre dann ein Vorwand für eine weiterführende Betrachtung oder nur eine Art Fügung.Doch zu den Aufgaben einer Einleitung zurückkehrend, in deren Rahmen, so glaube ich, die einfachsten Elemente einer Doktrin unmittelbar einsichtig sind, werde ich mich auf das Allernotwendigste beschränken und deshalb damit beginnen, die Tatsache zu unterstreichen, dass die Gedichte der vorliegenden Sammlung eine Welt zu verwirklichen versucht, die zumindest aus meiner Zeit entschwunden ist, genauer gesagt, die literarische Welt meiner Jugend. An sie zu erinnern schmälert keineswegs die neuen Werte,  mögen sie auch ganz und gar  persönlicher Natur sein, im Gegenteil  wird ihnen dadurch die Lebendigkeit von etwas verliehen, das nicht mehr ist und das in doktrinären Elementen zu suchen wäre, die einer langen Erörterung bedürften, die  an dieser Stelle unmöglich ist, da sie den Rahmen einer einfachen Einleitung bei Weitem sprengte.Ich  möchte jedoch sogleich klar stellen, dass ich an keinen komplexen, oder sogar kompletten Wert des Lebens zu denken vermag, der nicht von Lichte der Vergangenheit erhellt wäre. Nicht die gesamte Vergangenheit hat das Recht, im Rahmen der neuen und aktuellen Werte erinnert zu werden, doch das Beste, unsere eigene Person und die Menschheit im allgemeinen betreffend, bliebe gewiss steril und unproduktiv, setzte sie sich nicht mit den bedeutendsten oder zumindest relativ bedeutenden Werten der Vergangenheit auseinander. Man könnte meinen Ausführungen, die einigermaßen vage und sozusagen historisch angesetzt haben, möglicherweise eine gewisse Arroganz unterstellen, hätte ich nicht ausdrücklich die Dichtung an sich und als einzige Kategorie im Blick, eingedenk der Begrenzungen gleichwohl, innerhalb derer das Wort über eine Bedeutung verfügt, ja, wenn möglich, universell ist (Universalität, welche man auf gar keinen Fall und um keinen Preis jemand anderem aufzwingen würde).   Versuchte man all dies jemandem aufzudrängen, so bedeutete dies allein, dass man zu einer Konzeption von suggestiver Großartigkeit gelangen wollte, wenngleich man doch lediglich im rein Individuellen begann. So trete ich also vom Anspruch des Doktrinären, auch wenn er im Rahmen meiner Ausführungen bisweilen als Idee auftaucht, zurück und kehre zu den bescheideneren Aufgaben zurück, über die nun einiges versuchen werde zu sagen. Keinesfalls werde ich indes behaupten, dass die hier vorgestellten Gedichte die beste Tradition meiner Vergangenheit repräsentieren (diesbezüglich hege ich sogar erhebliche Zweifel). Doch wie jedermann weiß, neigt die Darstellung der Voraussetzungen stets dazu, ihren Gegenstand entweder zu überhöhen oder ihm gar auszuweichen.Auf der anderen Seite könnte ich sagen, dass es, auch ohne auf die geistige Entwicklungsfähigkeit des Ausdrucks einzugehen, ein System des Ausdrucks gibt, dass unbekannt ist, bevor es sich nicht selbst realisiert und im Grunde diejenige Art und Weise repräsentiert, auf die man zu einer gleichwohl begrenzten Wahrheit gelangt. Und einzig in Funktion dieser besonderen und einzigartigen Wahrheit, die in nichts anderem besteht als in wenigen Worten, die Teil einiger weniger Gedichte sind, ist der Sinn der Veröffentlichung  dieser Gedichte auszumachen.Mir ist bewusst, dass die meisten Gedichte es nicht wert wären, einzeln publiziert zu werden, da sie nur als umrahmende Elemente jener weniger bedeutsamer Worte der bedeutsamsten Gedichte dienen. In diesem Sinne betrachte ich die besondere Auswahl dieser Anthologie als organisches Ganzes.Ich werde nun nicht die Besonderheiten des Ausdrucks ausdrücklich hervorheben, die mir, bezüglich ihres möglichen Wahrheitsgehaltes, immer noch gültig erscheinen (sollte es sich um wirklich Großes handeln, so könnte man von einer Fatalität sprechen, vorausgesetzt es sollte eine solche geben), und ebenso wenig mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Wahrheit, die mir in ihrer Globalität und Komplexität unerkennbar erscheint, und die ich nur in höchst abgeschwächter Form als für das Bewusstsein zugänglich halte, einzig und allein in der Ordnung der Methode und des Systems zu finden ist, in der jeder mögliche Ausdruck seinen Ursprung hat.Es will mir gänzlich überflüssig erscheinen, mich in Erörterungen darüber zu ergehen, wie ich das Verhältnis von Ausdruck und Wahrheit auffasse. Diese kann eine schlichte Zahl sein(Mathematik) eine Formel (in den Wissenschaften) oder wie in diesem Falle ein Büchlein. Ich möchte indes klar stellen, dass die Gedichte der vorliegenden Sammlung im Großen und Ganzen in den Jahren 1932-1933 entstanden sind (einige 1931). Diese Einleitung wurde zunächst für den ersten Teil der Sammlung geschrieben und bezieht sich heute, mehr oder weniger, auf die gesamte Ausgabe. Dazu muss ich jedoch sagen, dass zwei Gedichte, die in den dritten Teil eingefügt wurden, 1938 geschrieben wurden, als der Dichter Luigi Fiorentino, dem ich hiermit meine Dankbarkeit ausspreche, mir dazu riet, alle drei Teile in einem einzigen Band zusammen zu fassen. Trotz der Unterschiedlichkeit des Tons gehören alle drei Teile zu einer unvergleichlichen Schaffensperiode, allein schon aus dem Grunde, weil sie innerhalb kürzester Zeiträume entstanden und vollendet worden sind.Diese Gedichte, die in dem beschriebenen Zeitraum spontan entstanden (ein Teil der Produktion jener Jahre ging verloren), wurden in den darauf folgenden Jahren mit Randbemerkungen versehen (insbesondere der erste Teil), auf Basis derer ich sie dann überarbeiten konnte. Bei der Abschrift habe ich tatsächlich viele dieser Randbemerkungen aus den Jahren 1932-1933 verwenden können.Dennoch bin ich überzeugt, dass es gerade aufgrund der Verwendung der Randbemerkungen zur Verschlechterung einiger Teile gekommen ist. Die besten Gedichte, diejenige für  welche dieser gesamte Teil eigentlich nur existiert, haben keinerlei oder nur sehr wenige nachträgliche  Korrekturen erfahren.Das Buch hätte eigentlich den Titel „Versuche der Poesie“ tragen müssen, hätte es sich auf den ersten Teil allein beschränkt hätte; denn in zeitlicher Ordnung hätte es Gedichte aufnehmen müssen, welche die ersten nach einer langen Abstinenzperiode waren, wenn nicht überhaupt die einzigen, denen ich einen gewissen literarischen Wert zusprechen konnte. Im Übrigen ist es meine Überzeugung, dass ein Gedicht stets die Funktion eines ihm Vorhergehenden ist (Teil der Wahrheit zumindest), gleichgültig welches immer auch das Genre sei, in dem es sich realisiert: Zahl, wissenschaftliche Untersuchung oder Anderes. Die Vertiefung des Ausdrucks führt, konkret gesprochen,  weit über das hinaus, was man „ Dichtung“ in seinem gewöhnlichen Sinne nennen könnte. Alles ist immer nur ein einfacher Versuch.So absurd es auch erscheinen mag, als Begründung den Begriff der Poesie und des viel weiter und allgemein gefassten des Wissens zusammen fließen zu lassen, so konnte ich doch nicht anders als jene Absurdität, die ich gleichwohl in einem gewissen Stadium der Reife geschrieben hatte, beizubehalten.Denn neben der ersten Gruppe von Gedichten ist es mir, dem Rat Fiorentinos folgend, ratsam erschienen,  weitere Gruppen hinzufügen; für eine ist mir spontan der TitelWorte der Zeit eingefallen, jener der sich nun auf dem Titel findet. Für die erste Gruppe hingegen habe ich mich auf die Nennung der Anzahl der Gedichte beschränkt, es sind 25, also 25 Gedichte. Der Titel der zweiten Gruppe begründet sich aus jenem, der bereits bei einer  früheren Publikation Titel gebend war.Und hiermit könnte ich diese Einleitung beschließen, wenn es mir nicht notwendig erschiene, klar und deutlich auf etwas hinzuweisen, das meinen gesamten Text durchzieht, die Begründung dieser quasi posthumen Veröffentlichung nämlich: Eingedenk der nicht aufzulösenden Differenz zwischen Leben und Wahrheit, wobei man die Auflösung als menschliche Annäherung zu verstehen hat, muss man stets auch bedenken, dass dieselbe Annäherung zwischen jedweder Form des Ausdrucks und der Wahrheit des Menschen und des Lebens besteht. Keine Wahrheit wird von einem nicht begründbaren a priori bestimmt, sondern ist stets Funktion der einfachsten und rigorosesten Art des Ausdrucks. Ich glaube – um ein wenig polemisch zu sein – dass jeder nach wissenschaftlichen Kriterien ausgedrückte Sachverhalt, indem er am Ausdruck beteiligt ist, auch an der Wahrheit teilhat, immer und zu jeder Zeit, mehr als man von der Mehrheit der Menschen erwartet, die unbegründeter Weise dieser oder jener Sache einen bestimmten Wert beimisst. So ist denn auch jede Form von Realismus oder Neorealismus keineswegs dazu angetan, einen bestimmten Grad von literarischer Wahrheit zu erreichen, geschweige denn jene des Lebens in seiner Gesamtheit oder auch nur in eines seiner Teilaspekte, welche im Wort leben, und  aus diesem Blickwinkel heraus können wir, da wir ihn nun begreifen, jenem Satz Gabriele d’Annunzios nur zustimmen, der zugleich der Titel eines seiner Bücher ist „ Der Vers ist alles“. Die Dichtung hat einen Wert (eine analoge Argumentation könnte man für jede andere Form der Erkenntnis führen) in schwer definierbarer Grenzen, aus Gründen von Postulaten, die veränderlich sein können und die vielleicht die einzigen sind, die sich der biologischen Natur des Menschen anpassen, Postulate, welche im Angesicht des Lebens, schon deshalb, weil sich die  Ansicht über das, was man mit der Vorstellung des Wortes als Teil des Leben meint, verändert,  kontinuierlich ausgebaut werdenMan mag nun verstehen, welche Distanz sich zwischen der literarischen Wahrheit und allen anderen Formen der Erkenntnis auftut und dass die Dichter, indem sie sich eines Mittels bedienen, das in einem kontinuierlichen Bezug zum Leben steht, zu denjenigen Menschen gehören, die am wenigstens von ihm wissen, wenngleich sie von Dingen sprechen, die sich mehr oder weniger auf das Leben, beziehungsweise auf Formen des Lebens beziehen, die kein literarisches Genre sind. Ich glaube, dass nur wenige Literaten, und wenn dann nur teilweise, dieser besonderen Ignoranz entgehen. Dies muss gesagt werden, auch wenn man sich dadurch  unversehens von den Vorgaben einer Einleitung zu einem Gedichtband entfernt und in die Nähe jener Doktrin gerückt ist, die man eigentlich vermeiden wollte.Zum Schluss möchte ich noch bemerken, dass derjenige, der das Wort exzessiv geliebt hat, dieses auch noch an den Rändern des Lebens findet, auch wenn er für lange Zeit keine einzige Zeile geschrieben hat. Es ist unschwer zu  begreifen, dass all diese, ein wenig persönlichen und ein wenig doktrinären Dinge ausschließlich – oder zumindest vorwiegend – einen Sinn für denjenigen haben, der heute seine Gedichte vorstellt und der versucht, dem Leben eine Begründung durch die Wahrheit zu verleihen und durch das, was ihr vorangeht, dem Ausdrucksvermögen, denn wenn man persönlich an einer Entwicklung des Ausdrucksvermögens interessiert ist, dann wünscht man sich auch für das Leben eine fortwährende Entwicklung.

Campiglia d’Orcia, 27. November 1955

LORENZO CALOGERO



***


Lorenzo Calogero - Gedichte

Aus dem Italienischen von Stefanie Golish

c


***



LORENZO CALOGERO IN “NEUROTRANSMITTER”


Der Mann mit der Aketentasche

Articolo apparso sulla rivista dei neurologi e psichiatri tedeschi “Neurotransmitter”.  A firma dello scrittore e germanista prof. dr. Gerhard Köpf, si basa sugli studi di Stefanie Golish, che qui contribuisce con le traduzioni e un commento.